„Na mal schauen, wie lange es diesmal dauert“, denke ich und klicke auf „Veröffentlichen“.
Wenige Minuten später laufen meine neuen Werbeanzeigen auf Facebook und Instagram. Diesmal mit einer kleinen Änderung.
Normalerweise spiele ich meine Anzeigen nur an Frauen aus. Einfach, weil das meine Zielgruppe ist. Diesmal wollte ich dem Algorithmus mehr Spielraum geben und habe testweise auf geschlechtsunspezifisch gestellt.
Obwohl ich aus Erfahrung weiß, was dann oft passiert: fragwürdige Kommentare von Männern. Irgendwo zwischen Mansplaining und ganz offenem Sexismus.
Und es dauerte keine zwei Tage. Dann stand der erste abwertende Kommentar unter einer meiner Anzeigen:

Ich sitze davor, lese das und bin kurz sprachlos. Nicht, weil ich denke: „Oh nein, vielleicht hat Rene ja recht.“
Ich bin seit 2016 selbstständig in diesem Bereich. Ich habe mit 13 Jahren HTML, CSS und PHP gelernt. Ich kann coden. Punkt.
Sondern weil ich mich frage: Was passiert da eigentlich im Kopf von so jemandem?
Und mindestens genauso wichtig: Was macht so ein Kommentar mit uns, die ihn lesen?
Die Angst vor Sichtbarkeit ist real. Sie hat handfeste Gründe, und sie kostet uns mehr, als die meisten ahnen.
Woher die Angst vor Sichtbarkeit wirklich kommt
Die Angst, sich öffentlich zu zeigen, fühlt sich oft an wie ein persönlicher Makel. Ist sie aber nicht. Sie speist sich aus zwei Quellen: aus den Stimmen von außen und aus der Stimme in dir.
Die Stimmen von außen
Rene ist kein Einzelfall. Er ist eine Statistik.
In Deutschland sind nur rund 18 Prozent der IT-Fachkräfte Frauen. Im Informatikstudium sind es 17 Prozent, in IT-Ausbildungen sogar nur 12. Und jetzt kommt der Teil, der wehtut: In einer Bitkom-Erhebung halten 43 Prozent der Unternehmen Männer schlicht für besser geeignet für IT- und Digitalberufe.
Eine Frau, die „codet“, ist in diesem Bild also gar nicht vorgesehen. Genau das hat Renes Reaktion ausgelöst. Nicht „interessant“ oder „gefällt mir nicht, ich scrolle weiter“. Sondern: Der zeig ich jetzt mal, wo ihr Platz ist.
Und das betrifft längst nicht nur Technik. Sobald Frauen sich zeigen, etwas können, erfolgreich sind, kommt von außen schnell dieses leise (oder auch laute): „Das ist doch nichts Richtiges.“
Aus einem Business wird ein „Mädchen-Business“. Aus echter aufgebauter Reichweite wird „die macht halt was auf Instagram“.
Im Netz wird es noch deutlicher. Die repräsentative Studie „Lauter Hass, leiser Rückzug“ zeigt: Fast die Hälfte aller Internetnutzenden wurde schon einmal online beleidigt. Junge Frauen trifft es besonders hart.
Wichtig: Es sind natürlich nicht alle Männer. Auch manche Frauen tragen diese Muster in sich, bewusst oder unbewusst. Und ich hoffe sehr, dass die allermeisten Menschen nicht so ticken wie Rene.
Aber wenn in meinem Leben bisher jemand öffentlich meine Kompetenz angezweifelt hat, dann war das ein Mann. Jedes einzelne Mal.
Die Stimme in dir
Die zweite Quelle sitzt näher. In dir.
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Wer bin ich, mich da hinzustellen? Es gibt doch schon so viele, die das viel besser können.“ Dafür gibt es einen Namen: das Impostor-Phänomen. Das hartnäckige Gefühl, eigentlich nicht kompetent genug zu sein und jeden Moment aufzufliegen.
Beschrieben wurde es zuerst 1978, von zwei Psychologinnen, die erfolgreiche Frauen untersucht haben. Heute weiß man: Rund 70 Prozent aller Menschen erleben dieses Gefühl mindestens einmal im Leben. Es trifft also längst nicht nur dich.
Aber es gibt ein Muster, das Frauen besonders oft zeigen: Erfolge schreiben sie äußeren Umständen zu (Glück, Zufall, nette Kundinnen und Kunden). Misserfolge dagegen sich selbst.
Kein Wunder also, dass sich die Angst vor Sichtbarkeit anfühlt wie deine ganz private Schwäche.
Ist sie aber nicht. Sie ist die logische Folge aus Botschaften von außen, die du irgendwann verinnerlicht hast.
Warum dein Rückzug das eigentliche Problem ist
Und jetzt kommt der Teil, der mir wirklich am Herzen liegt:
Die Angst an sich ist nicht das Problem. Was sie aus uns macht, schon.
Dieselbe Studie heißt nicht ohne Grund „Lauter Hass, leiser Rückzug“. Denn genau das passiert: Mehr als die Hälfte der Befragten äußert sich aus Angst seltener, beteiligt sich seltener an Diskussionen, formuliert vorsichtiger. Die Lauten bleiben. Die Leisen verschwinden.
Übertrag das mal auf dein Business. Jede Frau, die ihre Expertise lieber für sich behält, weil sie Angst vor Sichtbarkeit hat, fehlt da draußen. Als Stimme. Als Angebot. Und als Vorbild.
Der Branchenverband Bitkom bringt es auf den Punkt: Viele Mädchen und Frauen entscheiden sich nicht gegen Technik, weil sie es nicht können, sondern weil sie sich dort nicht sehen.
Sie sehen sich dort nicht. Weil zu wenige Frauen sichtbar sind. Weil zu viele sich zurückziehen.
Du merkst, worauf das hinausläuft: Deine Sichtbarkeit ist nicht nur dein Ding. Sie macht den Weg für die Nächste ein Stück breiter.
Was gegen die Angst vor Sichtbarkeit hilft
„Schön und gut, Annika“, denkst du jetzt vielleicht, „aber wie soll ich mich zeigen, wenn mir bei dem Gedanken der Magen flau wird?“
Drei Dinge, die wirklich helfen:
1. Trenn die Stimmen. Frag dich bei jedem Zweifel: Ist das gerade meine eigene Einschätzung oder die von Rene? Meistens ist es nicht deine. Du gibst nur wieder, was dir irgendwann eingeredet wurde.
2. Such dir die Richtigen. Renes Meinung ist nicht dein Maßstab. Dein Maßstab sind die Menschen, denen du wirklich hilfst. Und da draußen gibt es mehr als genug von ihnen, die genau dich und deine Art zu schätzen wissen.
3. Werd sichtbar auf deine Art. Sichtbarkeit heißt nicht, dass du jeden Tag tanzend in die Story musst. Für introvertierte und ruhigere Frauen ist genau das oft die größte Hürde. (Warum deine leise Art dabei kein Nachteil ist, sondern dein Vorteil, erkläre ich dir ausführlich in meinem Blogartikel „Introvertiert und selbstständig? Deine 7 leisen Superkräfte„.)
Und hier kommt mein Lieblingsweg ins Spiel: deine eigene Website.
Eine strategisch aufgebaute Website arbeitet für dich, auch wenn du gerade nicht „performst“. Sie zeigt rund um die Uhr, wer du bist und wie du hilfst. Über Google findet dich dein Wunschkunde von ganz allein, ohne dass du dich jeden Tag aktiv ins Rampenlicht stellen musst.
Das ist Sichtbarkeit, die zu dir passt. Leise nach außen, stark in der Wirkung.
Fazit: Zeig dich, und zwar jetzt erst recht
Die Angst vor Sichtbarkeit verschwindet nicht über Nacht. Das muss sie auch nicht.
Du darfst Angst haben und dich trotzdem zeigen. Beides geht gleichzeitig.
Denn wenn du etwas richtig gut kannst (und das kannst du ganz sicher), dann braucht dich da draußen jemand. Genau so, wie du bist. Und gern noch viel sichtbarer.
Übrigens, wie die Sache mit Rene ausging? Er hatte nicht mit dem Gegenwind aus meiner Community gerechnet. Also hat er mich kurzerhand blockiert und seine Kommentare gelöscht. Ein echter Powermann eben. 🙄